Je stärker die Schifffahrt, desto schwächer die Autonomie

February 13, 2019

So wie wir uns zunehmend daran gewöhnen, Geschichten über die Einführung automatisierter, ferngesteuerter und autonomer Schiffe zu lesen, so wächst auch die Zahl derjenigen, die auf die Hindernisse hinweisen, die dieser Entwicklung im Weg stehen.

Diese reichen von praktisch, rechtlich und technologisch bis hin zu marktbestimmt, und immer wieder wird die Frage gestellt, ob es neben der wenigen offensichtlichen Anwendungsbereiche überhaupt einen Markt für diese Technologie gibt. Es stellen sich auch ernste Fragen zu den Auswirkungen auf die Gesellschaft, nicht zuletzt auf die Arbeitnehmer, die direkt von der Autonomie betroffen wären.

Dennoch ist der Trend klar: Die Automatisierung nimmt im Verkehrssektor zu und die Hindernisse für ihre Umsetzung nehmen allmählich ab. Zumindest in der Schifffahrt muss hierzu jedoch nach wie vor ein ausgeglichener Dialog stattfinden.

Als die World Maritime University und die International Transport Workers’ Federation also einen Bericht veröffentlichten, in dem sie behaupteten, dass sich die Zahl der Seeleute bis 2040 tatsächlich verdoppeln wird, gingen natürlich ein paar Augenbrauen nach oben.

Diese Erkenntnis ist sicherlich eine positive Schlagzeile. Die durchgeführten Simulationen deuten darauf hin, dass die Einführung hochgradig automatisierter Schiffe zwar die Wachstumsrate der Nachfrage nach Seeleuten verringert; gleichzeitig soll jedoch das für die kommenden 20 Jahren prognostizierte Volumen des Seehandels dazu führen, dass die prognostizierte Zahl der bis 2040 benötigten Seeleute deutlich über dem derzeitigen Niveau liegen könnte. In einigen Szenarien liegt die Zahl fast doppelt so hoch wie die der heute etwa 1,6 Millionen Seeleute.

In dem Bericht wird die Statistik nicht erwähnt, weshalb man schon fast davon ausgehen kann, dass die ITF eine starke Rolle bei ihrer Aufnahme in das Kommuniqué gespielt hat. Der Bericht ist jedoch der erste ernsthafte Versuch außerhalb des Lieferantenmarketings, zu quantifizieren, was die zunehmende Automatisierung für die Branche bedeuten könnte.

Von den wichtigsten Erkenntnissen des Berichts ist die erste vielleicht die offensichtlichste; dass die Automatisierung zwar klare Vorteile bietet, aber in vielen Bereichen des globalen Verkehrs das Tempo des Wandels allmählich ansteigen und je nach Branche unterschiedlich ausfallen wird.

Im Seeverkehr erfolgt die Einführung neuer Technologien in der Regel eher langsam, und es sieht so aus, als ob die vereinbarten internationalen Leitlinien und Vorschriften für den autonomen Verkehr innerhalb des nächsten Jahrzehnts nicht erreicht werden dürften. Wenn jedoch ein starker wirtschaftlicher Nutzen erwartet wird und eine gesellschaftliche Akzeptanz vorhanden ist, könnten hoch automatisierte Transportlösungen auf regionaler Ebene umgesetzt werden, die durch nationale Gesetze oder bilaterale Abkommen zwischen benachbarten Ländern geregelt sind.

Die Herausforderungen, die über alle Verkehrsträger hinweg gelöst werden müssen, sind hauptsächlich operativer und rechtlicher Natur, obwohl dies in den nächsten 10 bis 15 Jahren möglich erscheint. Der Bericht resümiert, dass die Einführung neuer Technologien zwar schrittweise erfolgen wird, dass disruptive Technologien aber in einigen Bereichen im Umfeld des Betriebs – vor allem im Luft- und Schienenverkehr – früher entstehen können.

Die zweite wichtige Erkenntnis des Berichts besteht darin, dass ein steigendes Handelsvolumen zu einer höheren Transportnachfrage führen wird. Gleichzeitig werden aber regionale Veränderungen im Transportverhalten erwartet.

Als abgeleitete Nachfrageindustrie ist das Wachstum in der Transportbranche in erster Linie eine Reaktion auf das wirtschaftliche Umfeld und das Bevölkerungswachstum. In der Vergangenheit gab es einen engen Zusammenhang zwischen dem BIP-Wachstum und dem Verkehrsaufkommen, was auch die Studie bestätigte – dazu muss man allerdings sagen, dass weniger Ökonomen glauben, dass dies in Zukunft automatisch der Fall sein wird. Aus wirtschaftlicher Sicht wirkt sich das mittelfristige Wachstum des Pro-Kopf-BIP positiv auf das Volumen des gesamten Frachtverkehrs aus, ebenso wie das prognostizierte Bevölkerungswachstum.

So werden beispielsweise die Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels den erneuerbaren Energien Vorrang einräumen, was zu einer Verringerung des Transports von Öl und verwandten Produkten nach 2030 führt. Für die Jahre 2030 bis 2040 wird prognostiziert, dass die Nachfrage nach Leistungen im Seeverkehr weniger schnell steigen dürfte – ein Wachstum wird hier hauptsächlich bei nicht-energetischen Rohstoffen erwartet.

Mit der allmählichen Technologieeinführung und dem gestiegenen Handelsvolumen sind die Auswirkungen auf die Beschäftigung bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar: Geringfügige und mittlere Fachkräfte werden dem hohen Risiko der Automatisierung ausgesetzt sein. Der Bericht stellt jedoch fest, dass das Tempo der Einführung und Verbreitung der Technologien von Unterschieden in der nationalen Entwicklung und ihren komparativen Vorteilen abhängen wird.

Transportarbeiter sind einem ähnlich hohen Automatisierungsrisiko ausgesetzt wie ihre Kollegen in anderen Branchen. Technologien wie künstliche Intelligenz und mobile Robotik, zusammen mit den sinkenden Kosten für Rechenleistung, dürften ähnliche Auswirkungen auf die Aufgaben der Arbeitnehmer in den meisten Branchen haben. Der Verkehrssektor weist ein ähnliches Automatisierungspotenzial wie andere Branchen auf, insbesondere für gering und mittelmäßig qualifizierte Fachkräftegruppen.

Die Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Tempo, mit dem die Einführung von Automatisierungstechnologien erfolgt, von Sektor zu Sektor unterschiedlich sein wird. Historische Trends zeigen, dass die Automatisierung routinemäßiger Aufgaben zu einem Rückgang der Arbeitsplätze mit mittlerer Qualifikation geführt hat. Somit seien Arbeitnehmer in der Mitte gezwungen, auf weniger qualifizierte und gering bezahlte Arbeitsplätze umzusteigen – ein Effekt, der weiter zunehmen wird.

Der letzte Punkt des Berichts ist, dass die Automatisierung durch den regionalen Kontext beeinflusst wird; verschiedene Länder und Regionen sind in Sachen Akzeptanz und Umsetzung nicht immer auf dem gleichen Stand.
Während Tempo und Umfang der Einführung neuer Technologien und der weiteren Automatisierung variieren werden, wird der Wandel auch von einer Reihe von Faktoren abhängen, darunter Regulierung und Humankapital. Das Tempo der Umsetzung hängt auch von den Vorteilen ab, die die Automatisierung voraussichtlich zum sozioökonomischen Fortschritt eines Landes beitragen wird.

Der technologische Wandel wurde schon immer als unverzichtbarer Bestandteil der weltweiten Entwicklung angesehen, obwohl in einigen Ländern die notwendige Infrastruktur und entsprechende Geschäftsmodelle fehlen, die den Prozess verzögern.

Allerdings sind die Führer hier bereits gut etabliert. Zu den Ländern mit einer höheren Bereitschaft zur Einführung neuer Technologien und Automatisierungssysteme zählen Australien, Ostasien, die USA und Europa. Die afrikanischen Länder hinken in Bezug auf technologischen Fortschritt und Investitionen, Regulierung, Governance und Infrastruktur in allen Wirtschaftssektoren, einschließlich des Seeverkehrs, hinterher. Die Länder Südamerikas befinden sich in der gleichen Situation.