Regierungen, Umweltschutz und Plattform-Piraten

July 3, 2019

Die Weltwirtschaft befindet sich im Jahr 2019 in einer Art Sackgasse. Der Optimismus, der den scheinbaren Triumph der liberalen Wirtschaftspolitik und das Ende der Zeit vor 2008 begleitete, wackelt mittlerweile stark: Regierungen ziehen sich immer weiter zurück, die Umweltrisiken nehmen zu und Technologielösungen wuchern angesichts fehlender Regulierungsmaßnahmen.

Wer darin eine Art dystopischer Zukunft zu erkennen glaubt, der sollte noch einmal ganz genau hinsehen. Laut Professor Paul Romer sollten wir ganz genau darüber nachdenken, wo wir heute stehen – und welche Schritte wir unternehmen müssen, um das zu ändern.

Romer, der 2018 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, nutzte seine Rede auf der Nor-Shipping-Konferenz im vergangenen Monat als Warnung mit einem Hauch Optimismus; oder zumindest als eine Art Weckruf für bestimmte Akteure, genau darauf zu achten, was die Schifffahrt in naher Zukunft braucht.

Regierungswechsel hätten sehr unterschiedliche Auswirkungen: So verlangsame sich in entwickelten Volkswirtschaften das Wirtschaftswachstum, während eine Politik des „Minimalstaates“ verfolgt werde. In Schwellenländern hingegen wachse die Wirtschaft, während die Regierung sich weiterhin energisch zeige.

„Dies hat bedeutende Auswirkungen auf die Schifffahrt, da unsere Industrie in eine Zeit des geringeren Wachstums im Warenhandel eingetreten ist und es nur wenig gibt, was gegen diesen Trend unternommen werden kann“, so Romer. Gleichzeitig bedrohe eine neue Generation von „Plattform-Piraten“ nicht nur die Schifffahrt, sondern „jede Branche auf der ganzen Welt. Wir müssen schnell effektive Wege finden, uns vor dieser Bedrohung zu schützen, weil unsere Regierungen das nicht für uns übernehmen werden“.

Gleichzeitig ist man sich auf der Weltbühne nicht über die Schritte einig, die zum Schutz der Umwelt erforderlich sind. Romer vertritt die Ansicht, dass künftig angesichts zunehmenden Reichtums in den einzelnen Ländern mehr Maßnahmen auf lokaler Ebene zum Schutz der Umwelt als auf der globalen Ebene getroffen werden, was zum Teil auf den Verlust der „westlichen Führung“ zurückzuführen sei.

Der Erfolg oder Misserfolg einer Marktwirtschaft, so Romer, beruhe auf unserer Fähigkeit, unseren Egoismus und unsere „übergreifenden Interessen“ miteinander zu vereinen und gemeinsame Maßnahmen zum Schutz der Interessen aller zu ergreifen.

„In den 1980er-Jahren haben wir erfolgreich zusammengearbeitet, um FCKW-Emissionen zu stoppen, da sie drohten, die Ozonschicht zu zerstören. Heute befinden wir uns in einer Zeit, in der wir trotz des wachsenden Bewusstseins für Probleme wie CO2-Emissionen und Plastik im Meer nicht mit einer solchen kollektiven Aktion rechnen können“, fügte er hinzu.

Der Trend zum Minimalstaat spreche viele Menschen in entwickelten Ländern an, nicht zuletzt deshalb, weil diese Prinzipien ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum versprechen und gleichzeitig staatliche Unterstützung und Marktintervention abbauen. Das Problem, so Romer, sei, dass der Welthandel nun auf der Vorstellung beruht, dass das Funktionieren des Marktes im Vordergrund stehe, ohne Subventionen, Industriepolitik oder eine Anpassung der Wechselkurse und mit einem besonderen Schwerpunkt auf geistigem Eigentum.

„Es gab nie einen Konsens zwischen allen Ländern, diese Einstellung anzunehmen. Das Problem wurde durch die Gewährung befristeter Ausnahmen für Entwicklungsländer überspielt, welche nicht darauf reinfielen [und immer noch staatliche, stark subventionierte Industrien unterhalten]. Wir können diese Fiktion heute einfach nicht mehr aufrechterhalten.“

Die modernen Handelsregeln basieren nach wie vor auf dem US-Modell, und obwohl es möglich ist, Regeln zwischen Ländern mit unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen zu haben, ist das nicht die Art und Weise, wie die Welthandelsorganisation funktioniert – und es dauert eine Weile, bis neue Regeln geschaffen werden können.

„Es ist wichtig, die Bedeutung der globalen Integration hervorzuheben, ohne dabei zu ideologisch zu wirken. Die Schifffahrtsindustrie könnte eine der Stimmen sein, die dies fordern“, fügte Romer hinzu.

Eine der Begründungen für die Entscheidung, Regierungen stärker aus der Regulierung herauszuhalten, sei die Annahme gewesen, dass Wettbewerb schlechtes Verhalten disziplinieren würde. Nach ihrem Rückzug habe es jedoch weniger Anstrengungen gegeben, den Wettbewerb in der Praxis zu verteidigen, so Romer weiter.

Stattdessen sei der Grundstein für eine neue Generation von „Plattform-Piraten“ gelegt worden. Diese könnten in jede Branche eindringen, dort eine Plattform schaffen, um Käufer und Verkäufer miteinander zu verbinden und den Service kostenlos anzubieten, bis er für viele unverzichtbar geworden ist. Daraufhin könnten sie die Macht des Monopols nutzen und enorme Gewinne erzielen.

„Dabei handelt es sich nicht einfach nur um eine abstrakte Bedrohung; einer von diesen Piraten hat einmal versucht, mich als Chefökonom einzustellen; das Gespräch war allerdings schnell beendet“, scherzte er. „Wehren können sich Akteure heute nur, indem sie Gruppen bilden, die Normen für Zusammenarbeit und Interoperabilität unterstützen“, fügte Romer hinzu. „Ich glaube nicht, dass die IMO diese Aufgabe übernehmen kann. Hier ist eine proaktive und technologisch anspruchsvolle Herangehensweise gefragt, die nicht durch die Einschränkungen eines Prozesses zur Festlegung von Regulierungsvorschriften gebremst wird. Aber machen Sie sich keine falschen Hoffnungen – die Piraten kommen.“

Schließlich verglich Romer das Verhalten zwischen der Bewegung zum Verbot von FCKW-Emissionen und einer Situation, in der es kaum wirkliche Maßnahmen zum Schutz des Planeten vor dem Klimawandel gebe. Vor rund 30 Jahren waren einige der damaligen Experten davon überzeugt, dass ein Leben ohne FCKW nicht möglich wäre – was bekanntlich widerlegt wurde.

„Wenn wir also endlich Regeln aufstellen, die unsere Energiesysteme von CO2-Emissionen befreien, werden nicht einmal annähernd so viele Probleme auftreten, wie die Menschen heute glauben. Davon wird man aber niemanden einfach so überzeugen können – dafür braucht man Regeln.“

Die Schifffahrt könne in Bezug auf CO2 und Plastik eine Vorreiterrolle übernehmen, so Romer. Dafür müsse sie sich jedoch von den Strategien lossagen, die alle umweltschädlichen Industrien seit Jahren verfolgen, um weiterhin unbehelligt Schaden anrichten und so Geld verdienen zu können.

Der Veränderungsprozess beginne mit Idealismus und werde oft durch Fehlinformationen und Ablenkungsmanöver verlangsamt. In der Folge dauere es häufig viel zu lange, bis Regierungen endlich handeln. „Wir brauchen Stimmen, die sagen: ‚Das muss aufhören, es kann so nicht weitergehen‘, aber wir müssen auch sagen: ‚So sieht der nächste Schritt aus‘, denn im nächsten Schritt versuchen die Akteure, die den Fortschritt verzögern wollen, ihre Ablenkungsmanöver zum Einsatz zu bringen“, so Romer.

Überzeugungskraft habe natürlich ihren Platz. Als die US-Botschaft in Peking damit begann, ihre eigenen Luftqualitätsmessungen durchzuführen, schärfte die Verfügbarkeit zuverlässiger Informationen das Bewusstsein und bedeutete, dass die lokale Regierung einer breiteren Nachfrage nachkommen musste.

Egal wie schwierig ein Problem also auf den ersten Blick wirke: Fortschritt sei möglich, wenn auch nicht ohne vertrauenswürdige Informationen – und es seien noch viel mehr Informationen zum Klimawandel und Plastikproblem erforderlich – damit mehr Menschen darauf reagieren können.

Ein Beispiel für das Fehlen einer effektiven Staatsführung finde sich etliche Meilen von der Küste entfernt. Auf dem Mount Everest habe die Anzahl der Expeditionsgruppen, die den Berg aktuell besteigen wollen, nicht nur zu Staus geführt, sondern auch zu „einem schlechteren Gesamterlebnis und einem schockierenden Verhalten. Menschen sterben, und andere gehen einfach an ihren Leichen vorbei“, erklärte Romer.

Mehr Vorschriften seien vielleicht nicht immer die richtige Antwort, aber „zumindest haben wir Regierungen und Organisationen, die übergreifende Interessen vertreten, weil sie uns damit dabei helfen, die Menschen zu sein, die wir wirklich sein wollen“.