ECDIS: Vom Problem zur Lösung?

January 10, 2017

Im vergangenen Herbst haben wir in mehreren Blogartikeln die Frage gestellt, warum ECDIS Navigatoren auf der ganzen Welt nach wie vor so viele Probleme bereitet, obwohl die Technologie keineswegs neu ist. Antworten darauf gibt es viele, und in den meisten Fällen ist die Ursache nicht nur auf eine mangelhafte Ausbildung oder Gewöhnung im Umgang mit Hardware und Software zurückzuführen.

Wir wollten gerne die Meinung eines OEMs hierzu hören – zu unserem Glück erklärte sich Northrop Grumman Sperry Marine bereit, einige durchaus anspruchsvolle Fragen zu beantworten: Warum haben Navigatoren so große Probleme mit der Bedienung von ECDIS? Besteht bei der Standardisierung weiteres Optimierungspotenzial? Was ist mit dem S-Modus? Und wie sieht die Zukunft aus?

Auf die Frage hin, wie man die ECDIS-Bedienung für Benutzer optimieren könnte, erklärte Simon Cooke, technischer Leiter bei Sperry, die Ansicht seines Unternehmens wie folgt: „Es ist besonders wichtig, Navigatoren in die Entwicklung von ECDIS einzubinden. Nur so können wir gewährleisten, dass all ihre Anforderungen erfüllt werden.“

Sperry Marine hält regelmäßig Foren mit diesem speziellen Ziel ab und bringt hierfür verschiedene Markteilnehmer zusammen – darunter auch Navigatoren, die ihr Input geben. Cooke zufolge sollte der Ansatz der e-Navigation das Arbeitspensum von Navigatoren reduzieren. „Die e-Navigation bringt neue Produkte, Funktionen und Dienste mit sich, aber wir dürfen bei alldem den Menschen nicht vergessen.“

So müsse man ECDIS nicht neu erfinden, sondern auf einen natürlichen „Upgrade-Pfad“ zurückgreifen. „Wenn ECDIS sich mit der Zeit an neue Anforderungen anpasst, wird es den Ansprüchen von Seeleuten ganz sicher gerecht werden“, fügte Riccardo Varrazza, Commercial Products Manager, hinzu. „Zusammen mit dem Radar (ARPA) entwickelt sich ECDIS zu einem der wichtigsten Instrumente für eine effiziente und zuverlässige Navigation. Wenn die Hersteller jetzt auch weiterhin investieren, gewinnen am Ende alle.“

Auch Cooke ist der Ansicht, dass jetzt eine gewisse Pragmatik gefragt ist. Navigatoren raten mit Blick auf die zukünftige Entwicklung eher zu Vorsicht; einfach nur immer mehr Datenüberlagerungen hinzuzufügen sei keine richtige Lösung. Um nicht mit zu vielen Daten überschwemmt zu werden, müsse das System aufgabenorientiert verwaltet und geführt werden.

Das wären alles gute Ansätze, wenn es nur zwei Arten von ECDIS geben würde – und nicht mehrere Dutzend. Auszubildende beschweren sich viel zu oft über den Mangel an Standardisierung oder darüber, dass ihr Schiff nicht mit dem ECDIS ausgestattet ist, das sie während ihrer Ausbildung genutzt haben.

„Wir verstehen diese Sorge und sehen ein, dass diese durchaus berechtigt ist“, so Cooke. „In den letzten Jahren hat sich in Sachen Standardisierung von Benutzerdisplays und Steuerungen jedoch einiges getan, und das bei allen Herstellern.“

Zusätzlich dazu hat es weitere kollektive Entwicklungen gegeben – von Herstellern über CIRM und in Zusammenarbeit mit der IMO und der IEC –, um der mangelhaften Standardisierung und den damit einhergehenden Problemen bei der Ausbildung entgegen zu wirken.

Worauf kein OEM Einfluss hat ist die Zeit, die Schifffahrtsunternehmen mit ECDIS benötigen, um ihre Ausrüstung auf den neuesten Stand zu bringen. Cooke zufolge bedarf es Zeit, bis die Verbesserungen, die Hersteller an ihren Benutzeroberflächen vorgenommen haben, sichtbar werden.

„Während Hersteller ihre Systeme neu gestalten, wenn beispielsweise die IEC eine neue Norm herausgibt, müssen Schiffsbetreiber bereits in Betrieb befindliche Ausrüstungen nicht aktualisieren. Das bedeutet möglicherweise, dass das entsprechend negative Feedback auf Systeme zurückzuführen ist, die noch nicht vom Standardisierungsprozess profitiert haben.“

Dies wird sich voraussichtlich ändern, sobald die S-52-Darstellungsbibliothek der IHO für die gesamte Flotte herausgegeben wird, bevor das Mandat Ende August dieses Jahr in Kraft tritt. Der neue Standard fordert von Schiffsbetreibern, ihre ECDIS-Systeme auf eine völlig neue Art und Weise zu aktualisieren.

Was es ganz bestimmt nicht wird, ist der S-Modus – der „Reset“-Schalter zum Zurücksetzen des Systems, für den sich das Nautical Institute und andere Branchenakteure einsetzen. Coole zufolge ist man bei Sperry nicht davon überzeugt, dass ein anderer Modus die beste Lösung ist für das Problem der Systemkomplexität ist.

Eine bessere Alternative wäre ein stets eingeschalteter S-Modus, der Standardeinstellungen für die Steuerung, Terminologie, Abkürzungen sowie Speicher- und Ladefunktionen standardisiert. So könnten allgemeinhin bekannte Probleme angegangen werden, ohne möglicherweise das Innovationspotenzial einzuschränken.

„Wenn wir uns ansehen, was in Sachen E-Navigation auf uns zukommt, dann ist es offensichtlich, dass sich einiges ändern muss. Aber denken Navigatoren wirklich, dass sich mit von Kommissionen vorgegebenen Menühierarchien alle Probleme in Luft auflösen werden? Dieser Denkansatz dürfte bei vielen auf Bedenken stoßen“, fügte er hinzu und untertrieb dabei absichtlich.

Vielleicht ist ein Design, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, das Wundermittel, das die Bedienerfreundlichkeit von ECDIS verbessert? Bis zu einem gewissen Punkt würde Varrazza dieser Aussage zustimmen. „Die Brücke durchläuft gerade zahlreiche Veränderungen, weshalb die Benutzeroberfläche eine wichtige Rolle spielt. Das löst jedoch noch keine Probleme, wenn sich für Navigatoren keine Vorteile ergeben.“

„Wenn die Qualität der Navigation nicht optimiert werden kann, dann werden Anpassungen nur aus technischen Gründen vorgenommen. Für uns liegt der Fokus immer darauf, das Gespräch zu Navigatoren zu suchen, um aus unseren Ideen und ihrem Feedback eine Lösung zu erarbeiten, anstatt einfach nur etwas zu erfinden, das am Ende nicht praktikabel ist.“

In Zeiten, in denen die intelligente Schifffahrt als die ultimative Lösung für alle aktuellen Herausforderungen und als Antrieb für Technologieinnovationen gilt, ist es besonders wichtig, über die Zukunft nachzudenken. Einige der Videos, die das Unternehmen hierzu herausgegeben hat, geben dies gekonnt wieder. James Collett, Commercial Director, ist jedoch davon überzeugt, dass in der Übergangsphase auch bestehende operative Belange angegangen werden müssen.

„Unser Konzept für das Brückensystem der Zukunft fängt damit an, eine Verbindung zwischen einem IMO-konformen ECDIS und einer Brückenverwaltungslösung mit verbesserten Funktionen herzustellen. Hierbei soll es praktischer sein, Kartendaten herunterzuladen und anzupassen und so die Route zu planen“, erklärte Collett.

Dies ergänzt das Ziel der e-Navigation, das Brückensystem einfacher zu gestalten, ohne dabei die primären Aufgaben von Seeleuten aus den Augen zu verlieren. Somit werden die branchenüblichen Konfigurationen verbessert und weiterentwickelt. Ebenfalls berücksichtigt wird dabei die Tatsache, dass die meisten Schiffe der weltweiten Flotte „Arbeitspferde“ und keine „Reinblüter“ sind – und das wird auch in Zukunft zu bleiben.

„Die wahren Vorteile der Verbindung mit landbasierten Systemen und der Fähigkeit, alle benötigten ENCs herunterzuladen, liegen alle in der Brückenverwaltung. Diese ermöglicht es Seeleuten, Überfahrten zu planen, Vorbereitungen zu treffen, ein Symbol zu berühren und schon wird die Reise an das ECDIS übertragen“, so Collett. „Die Schifffahrtsindustrie wird schon irgendwann in der Zukunft ankommen, aber es dauert wahrscheinlich doch etwas länger, als einige Menschen annehmen.“