Eine Lizenz zum Segeln – für die Schifffahrt?

May 8, 2019

Die Einhaltung von Vorschriften gilt als Grundvoraussetzung dafür, in der Schifffahrtsindustrie arbeiten zu dürfen. Aus guten Gründen können die meisten Reedereien und Schiffsbetreiber davon ausgehen, dass sie selbst bei anspruchsvollen Vorschriften immer noch in See stechen können, sofern sie deren Einhaltung nachweisen können.

Aber was würde passieren, wenn sich hier neben den Regulierungsbehörden weitere Parteien einmischen würden? Was wäre, wenn die Zivilgesellschaft eine Kraft auf Unternehmen ausüben würde, die stark genug ist, um das Geschäft ohne sie zu erschweren? Das ist eine zentrale Frage, die sich nicht so einfach beantworten lässt; so behauptete doch vor nicht allzu langer Zeit noch ein bekannter britischer Politiker, es gäbe „keine Gesellschaft“.

Heutzutage wissen wir, dass diese Einschätzung falsch ist, so zahlreich sind die Interessengruppen und Einflussfaktoren, die sich auf die Branche auswirken – insbesondere im Hinblick auf die Umweltleistung.

Der World Ocean Council hat zusammen mit dem Australian National Centre for Ocean Resources and Security und der Universität Wageningen Reedereien und Schiffsbetreiber befragt, um zu verstehen, wie eine „soziale Betriebsgenehmigung“ aussehen könnte und wie diese sich in Zukunft nicht nur auf die Schifffahrt, sondern auch auf die Offshore-Energie- und Fischereiindustrie auswirken könnte.

Die Frage ist besonders wichtig im Hinblick auf die Aufmerksamkeit, die lokale und regionale Regulierungsbehörden sowie NROs und Interessengruppen auf die Kontrolle der Ozeane und die Nachhaltigkeit der „Blue Economy“ legen, dem Begriff für die Vielfalt der Unternehmen, die ihre Einnahmen aus der Meeresumwelt erzielen.

Dies ist besonders schwierig in Bezug auf spezielle Interessengruppen, die von Werten, Überzeugungen oder Interessengebieten beeinflusst werden, die mit anderen Gemeinschaften, mit denen die Branche interagiert, unvereinbar sind; diejenigen, die ihren Lebensunterhalt mit den Meeren verdienen.

Die Studie benannte zwei Ebenen von Herausforderungen in Bezug auf „gesellschaftliche Lizenzen“ in einer Reihe von Sektoren innerhalb der Blue Economy. Die erste Ebene konzentrierte sich auf spürbare Auswirkungen, die sich hauptsächlich auf Umweltrisiken beziehen, insbesondere auf die biologische Vielfalt oder auf Komfort, Verschmutzung oder Kontaminationsfragen. Die zweite Ebene konzentrierte sich auf immaterielle Auswirkungen, die schwieriger zu konzipieren, zu überwachen und zu kontrollieren sind, jedoch besondere Herausforderungen für die Schifffahrtsindustrie mit sich bringen.

Die im Rahmen der Studie gewonnen Antworten zeigten, dass bei den Herausforderungen in Bezug auf Betriebsgenehmigungen für die Schifffahrt und Häfen vor allem die Themen Infrastruktur sowie menschliche Gesundheit, Verschmutzung und Kontamination im Mittelpunkt stünden. Doch auch Auswirkungen auf die biologische Vielfalt seien ein wichtiges Anliegen in der Schifffahrt. Das sind gleichzeitig auch die zentralsten Umweltfragen für diese Sektoren, zu denen das Auslaufen von Kraftstoffen, Emissionen, Lärm und Staub aus Hafenaktivitäten sowie invasive Meereslebewesen gehören.

Die Urheber der Studie weisen darauf hin, dass die soziale Akzeptanz der maritimen Industrien wichtig sein werde, um das Zukunftspotenzial der Blue Economy zu sichern – was im Endeffekt einer Betriebslizenz gleichkommt. Die Aufrechterhaltung dieser gesellschaftlichen Lizenz ist eine Herausforderung, die in verschiedenen Sektoren unterschiedlich wahrgenommen wird. Der Verlust dieser Akzeptanz in einem Sektor könnte sich jedoch auch auf das Vertrauen der Gesellschaft in die gesamte Blue Economy auswirken.

Kritisch stellten die Autoren fest, dass die Blue Economy zwar gut gerüstet scheint, um auf die technologischen Herausforderungen von Umweltrisiken zu reagieren; die weitaus größere Herausforderung für alle Sektoren liege jedoch darin, die richtige Reaktion auf Situationen zu finden, in denen die Auswirkungen nicht sofort spürbar sind.

Obwohl Schifffahrtsunternehmen Technologien zur Problemlösung einsetzen können, gibt es immer noch Nachholbedarf, wenn es darum geht, die Werte, Überzeugungen und Ideologien der Interessengemeinschaften, mit denen die verschiedenen Branchen interagieren, zu verstehen.

Die Schifffahrt ist technologisch also auf der Höhe, hat jedoch nicht unbedingt das Vertrauen der Gemeinschaften, denen sie dient.

Dies werde den Autoren zufolge auch weiterhin eine Herausforderung darstellen, da die Blue Economy weiter wachse. Derzeit scheint es, dass diese oft schwer lösbaren Fragen vor allem im politischen Bereich diskutiert werden, wo Entscheidungsträger zwischen widersprüchlichen Werten vermitteln müssen. So sei von beiden Seiten dieser etwas polarisierten Debatten zu erwarten, dass sie Lobbyarbeit in Regierungskreisen betreiben werde.

Die deutliche Mehrheit der an dieser Studie beteiligten Schifffahrtsunternehmen sah sich in Bezug auf eine gesellschaftliche Betriebslizenz in einer relativ anfälligen Position. Die meisten waren der Meinung, dass ihr Sektor weitgehend akzeptiert und/oder toleriert werde, äußerten jedoch auch gelegentliche Probleme mit der sozialen Akzeptanz bei bestimmten Interessengruppen.
Was die Studie auch zeigt, ist, dass die Ambivalenz in dieser Beziehung beide Seiten betrifft.

Interview- und Workshop-Teilnehmer der Studie betrachteten das Thema Aus- und Weiterbildung als entscheidend für eine gesellschaftliche Lizenz für die Schifffahrts- und Hafenbranche. Die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit über die Rolle dieser Unternehmen in der Wirtschaft zu informieren, wurde oft als wichtig angesehen und beinhaltete Maßnahmen wie Tage der offenen Tür und Aufklärungskampagnen.

So ließ eine kanadische Reederei beispielsweise eine halbjährige Aufklärungskampagne über die Rolle der Schifffahrt durchführen, die auf positive Resonanz stieß. Mindestens ein Teilnehmer war jedoch skeptisch, inwieweit die Öffentlichkeit wirklich an Häfen oder der Schifffahrt interessiert sei.

Die Herausforderung für die Branche besteht darin, dass die Öffentlichkeit in der Regel kein Interesse ab der Schifffahrt und Häfen hat, bis etwas schief geht. In Kombination mit der Widerspenstigkeit, die die öffentlichkeitsscheue Schifffahrt bei jeder Aktion an den Tag legt, die mehr Aufmerksamkeit nach sich ziehen könnte, führt dazu, dass sich langfristige Änderungen nur schwer durchsetzen lassen.

Diese Reaktion wiederum hat vermutlich einige unerwünschte oder gar unnötige Vorschriften zur Folge, da Politiker nicht tatenlos dastehen wollen oder können – auch wenn sie anschließend einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Was fehlt, ist ein proaktiver Ansatz mit den Schwerpunkten Bildung und Engagement, der immer dann gefordert wird, wenn negative Schlagzeilen den Status quo bedrohen.

Im Guten wie im Schlechten scheint die Schifffahrtsindustrie damit zufrieden zu sein, eher im Hintergrund zu bleiben, dem Tagesgeschäft nachzukommen und im Notfall eher reaktiv als proaktiv zu handeln. Das zu ändern bedeutet, zweitausend Jahre Geschichte neu zu schreiben und die Denkweise von Reedereien zu ändern. Diese wissen schließlich, dass sie nur Vorschriften einhalten müssen, um in Ruhe gelassen zu werden.

Für die „alte“ Schifffahrt mag diese Strategie gut funktioniert haben. Ob sie die Branche jedoch auch durch die nächsten tausend Jahre bringt, ist fraglich.