Der Containersektor: ein Hoffnungsschimmer auf dem Weg zur Digitalisierung

March 6, 2019

„Es ist an der Zeit, dass sich die Containerschifffahrt der digitalen Revolution anschließt.“ So lautete ein Statement der Boston Consulting Group vor etwas mehr als einem Jahr. Und es war wirklich an der Zeit – wenn nicht schon überfällig. Die BCG fuhr fort: „Die Carrier laufen Gefahr, den direkten Kontakt zu einigen ihrer profitabelsten Kunden zu verlieren“, sollten sie nichts unternehmen.

Die Containerschifffahrt horchte auf – und reagierte. In Wirklichkeit gab es für die Linien hier überhaupt nichts zu entscheiden. Das unerbittliche Streben nach Skaleneffekten war technisch verblasst, konnte aber weder nachhaltige Gewinne noch mehr Terminsicherheit liefern. Das Problem bestand darin, dass bei allem Fortschritt die Kundenbeziehungen der Linien entweder gereizt oder stark geschädigt waren.

Die Digitalisierung könnte sich als wahrer Balsam für diese blutende Wunde erweisen, jedoch gibt es einige Hinweise dafür, dass sich Kunden tatsächlich bessere Online-Tools, eine erhöhte Nachverfolgungs- und Buchungstransparenz sowie das Gefühl, dass die Linien ihre Bedürfnisse ernst nehmen, wünschen.

Im Rahmen einer Studie untersuchte die Frachtplattform „Freightos“ die digitalen Strategien der 30 weltweit führenden Luft- und Seefrachtunternehmen. Die Umfrage verwendete 26 verschiedene Parameter, und in jeder Kategorie wurde berichtet, dass Reedereien im Durchschnitt mit ausgereifteren digitalen Technologien arbeiteten als ihre Kollegen in der Luftfahrt.

Wie Freightos in dem daraus resultierenden Whitepaper feststellt, öffnet die Digitalisierung „den Carriern die Tür, ihre direkten Beziehungen zu Endkunden zu stärken, ihre Kosten (auch für Treibstoff, den Schiffsbetrieb und den Kundenservice) weiter zu senken und neue Einnahmequellen über die traditionellen Schifffahrtsdienste hinaus zu erschließen“.

Dennoch haben nur wenige führende Carrier digitale Technologien eingesetzt, um ihre kommerziellen und operativen Aktivitäten zu optimieren. Box-Tracking, Leercontainer-Repositionierung, Dokumentenmanagement, Netzwerkdesign und Preisgestaltung gehören zu den Aktivitäten, mit deren Digitalisierung diese Carrier begonnen haben.

Bis vor kurzem hätte eine Benchmarkstudie zur digitalen Reife von Carriern nur sehr wenig zu messen gehabt, externe Verbindungen über Electronic Data Interchange („EDI“, ein im Zeitalter des Lochkartencomputings entwickeltes System) und einige weitgehend nicht-interaktive Websites.

Es gab zwar einige Schrittmacher, jedoch zeichnete sich bis 2015 eine deutliche Veränderung ab. Carrier haben ihre Anstrengungen im digitalen Bereich durch die direkte Kommunikation mit digitalen Systemen – intern und mit Kunden – über Echtzeit-APIs ausgebaut. Ein besseres Online-Erlebnis bietet einen One-Stop-Shop und ein B2C-ähnliches E-Commerce-Erlebnis für Geschäftskunden und Interessenten auf ihrer Plattform.

Das letzte Element ist der schwierigste Teil; eine Transformation, die sich von oben nach unten auf die Veränderung interner und externer Systeme, Prozesse und Kulturen konzentriert.

Die unternehmensweite Transformation erfordert einen systemischen Ansatz; für eine Branche, die durch unabhängige Niederlassungen gekennzeichnet ist, welche auf isolierte Systeme und Prozesse angewiesen sind, ist das eine Herausforderung. Ohne eine einheitliche Anstrengung, die Silos zu reduzieren, kann die Transformation nur schwer gelingen.

Dennoch ist es wahrscheinlicher, dass die Seefahrt in Transformationsmaßnahmen investiert als Luftfahrtunternehmen. Die Hälfte aller führenden Reedereien hat Führungspositionen im Transformationsbereich (Digitalisierung oder Innovation), die getrennt von der traditionellen Funktion des CIO/CTO sind. 40 % verfügen zudem über eine digitale Strategie. Maersk betonte diese Notwendigkeit bereits im Jahr 2017. Diese Entwicklung erreicht die Luftfahrt nur schleppend. So ist Lufthansa derzeit die einzige Fluggesellschaft, die in dieser Umfrage im Frachtbereich eine Funktion für die Transformation geschaffen hat.

Freightos weiß, dass noch ein langer Weg vor uns liegt. Obwohl die Seefahrt in jeder Kategorie führend ist, hat die Technologie den Übergang vom Deck zum Frachtraum nur langsam vollzogen. Während kleinere Unternehmen oft kürzere Transformationszeiten nutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, zeigen die Ergebnisse: Je größer der Carrier, desto digital ausgereifter ist das Unternehmen wahrscheinlich.

Wo der digitale Kautschuk auf die Straße trifft, wurden nur fünf Spediteure mit Echtzeit-API-Konnektivität zu Kundensystemen identifiziert, und nur zwei von ihnen – Maersk und MSC – sind in der Seefahrt tätig.

Insbesondere APIs sind viel einfacher zu implementieren und enthalten reichhaltigere und flexiblere Daten in Echtzeit. APIs vermeiden unnötige Verzögerungen bei Buchungen, Dokumentübertragungen oder Sendungsaktualisierungen. Bei Carriern, die sich beim Informationsaustausch immer noch weitgehend auf EDI (oder schlimmer noch, menschliche Kommunikation) verlassen, kommen Kunden hinsichtlich Transparenz, Kommunikation, Genauigkeit und Ressourcenanforderungen zu kurz.

APIs sind ebenfalls ein wichtiger Spieler innerhalb des Ökosystems. Einmal gebaut, können sie eine beliebige Anzahl von Lieferkettenplattformen betreiben. Als Beispiel sei Google Maps genannt, die allgegenwärtige geografische Ebene für Apps weltweit. Google Maps hat diesen Status erreicht, weil es solide Daten mit einer einfachen API kombiniert, die Unternehmen direkt in ihr Produkt integrieren können.

Backend-Fähigkeiten erhalten nicht viel Medienaufmerksamkeit, sichtbare Kundenportale hingegen schon. Die Angebote der Carrier-Kunden waren nicht immer sonderlich beeindruckend und legten bisher nicht genug Fokus auf die Kunden, so dass Vermittler diese Rolle übernehmen konnten.

Einige sich langsam bewegende Datensätze, wie z. B. Fahrpläne, konnten problemlos online migriert werden. Die Flugpläne der Fluggesellschaften waren bereits online, was den Passagieren zugutekam. Andere wurden jedoch zu Stolpersteinen, besonders dann, wenn Daten intern nicht verfügbar waren. Bis Buchung, Zuordnung und Preisgestaltung für die Echtzeit-Buchung und -Bestätigung zusammenkommen, können Kunden nicht auf einen One-Stop-Shop zugreifen. Das macht die Lücke zwischen alltäglichen Verbrauchererfahrungen und aktuellen Geschäftsprozessen deutlich.

Wie Freightos betont, muss die Echtzeitverbindung mehr sein als die Verbindung von Systemen – sie muss auch die Verbindung von Personen beinhalten. Die Bereitstellung von Unterstützung, typischerweise in Form eines Live-Chats, war ein Schlüsselaspekt des Erfolgs digitaler Spediteure und etwas, das die Linien in Betracht ziehen müssen, um eine umfassendere Umsetzung zu erreichen.

Es gibt jedoch auch einen Hoffnungsschimmer. Reedereien bewerteten die Lieferung von Tür zu Tür und die Anfrageformularparameter viel höher als Luftfahrtunternehmen. Dies ist vielleicht nicht verwunderlich, da viele Carrier traditionell versuchen, ihr Serviceangebot zu erweitern. Berührungsarme digitale Plattformen sind ein Teil der Puzzle-Carrier, die ihre direkten Beziehungen von großen Frachteignern auf kleine und mittlere Unternehmen ausweiten müssen.

Ein weiteres ermutigendes Zeichen ist jüngst die Bereitschaft, sogenannte Accelerators oder Inkubatorprogramme zu unterstützen. Ein konsolidierter Sektor wie die Containerschifffahrt bietet Reedereien den Anreiz, in die Entwicklung neuer Produkte und Ideen zu investieren.

Einige Passagierfluggesellschaften unterstützen Accelerators, aber Reedereien werden eher an interne Inkubatorprogramme/Accelerators anknüpfen als ihre Kollegen in der Luft. CMA CGM und Maersk zeichnen sich durch ihre Beteiligung an jeweils drei Programmen aus. Darüber hinaus ist es wahrscheinlicher, dass sie in Technologien investieren, wie z. B. die Investition von MSC und CMA CGM in die Sendungsverfolgung von Traxens.

Es ist ermutigend, ein Beispiel dafür zu sehen, in welche Richtung sich die Schifffahrt bewegt, anstatt der technologischen Entwicklung hinterherzuhinken. Vielleicht ist es ja der Containersektor, der am Ende den Weg weist. Denn wie auch im ursprünglichen BCG-Bericht hervorgehoben wurde: Obwohl die Herausforderungen der digitalen Transformation riesig erscheinen können, ist es nie zu spät, sich ihnen zu widmen.